p-rogramieren muss ich

 

IMG_2306täglich unser Garmin, das kann’s nicht von allein. Wie auch? Der Tacho allerdings kann IMG_2314anzeigen, wie´s abgeht, was macht er und erfreut! 

IMG_2282Ein letzter Blick auf Krasnojarsk, bevor wir umständlich entlang der M53 nach Mariinsk holpern. Mal stimmen die Koordinaten, mal stimmen sie nicht, keiner weiß es. Jedenfalls zotteln wir durch den sehr speziellen Ort entlang der Trasse, wir können ihn eigentlich nicht beschreiben, ein Gefühl zwischen Bestaunen und Erstaunen, Verwunderung undIMG_2284Sprachlosigkeit – wie schon so oft erlebt. Wie eine Filmstadt der anderen Art. Neben dem FilmstadtHausproperen Verwaltungsgebäude verfallene ‚typische´ Holzhäuschen, Menschen mit IMG_2283Gesichtsausdrücken und Kleidung wie Sinti und Roma verkaufen Gemüse, eines der doppelstöckigen Holzhäuser beherbergt ein Café und eine Pizzeria (das haben wir hier Pizzerianoch nie gesehen), in grellbunt gestrichenen Gebäuden bietet man Haushaltswaren oder UA StraßeKleidung an, lange Reihen von ´Einfamilienhäusern´. Ein glücklicher Zufall lässt uns das

IMG_2294Stellplätzchen finden, eine kleine private Parkanlage außerhalb des Ortes. Nebenan gibt’s Bauerngärten, in denen hauptsächlich Kartoffeln wachsen. Typisches DatschaLeben, ein wichtiger, nicht zu unterschätzender Bestandteil russischen Lebens und Überlebensgarant in ‚schlechten Zeiten’. Ein Stückchen weiter liegt ein Friedhof, wo an jeder Grabanlage ein Tisch mit Bänken steht, was mich sehr an das Grab meiner Großeltern erinnert; eine schöne Idee, finden wir.

Im Regen brechen wir auf, weiter nach Westen, vorbei an Kemerovo und informativenIMG_2317 Straßenschildern! Zwischenzeitlich schickt Janno uns ein IMG_2319Foto von seiner erneuten ZugspitzBesteigung mit André – alle Achtung! In Novosibirsk bietet das IMG_2322Russisch-Deutsche Haus einenÜbernachtungsplatz mit Duschmöglichkeit! Das ist das eigentlich Spannendste des heutigen Tages. Oh nein, ich hab’ noch was. Da es nachmittags knalle heiß ist, schiebe ich das ‚Wohn-Küchen-Dachfenster’ ganz zur Seite und genieße das dadurch entstandene Loch in der Decke mit offenem Blick in den blauen Himmel. Später besprechen wir alle den nächsten Tag, es fängt an zu regnen, gießen, wolkenbruchartiger Wassersturz von oben, gut, dass die Besprechung im Haus stattfindet. Und dann kommen wir nach Hause, und dann ist Hitten ganz sauer, und dann zeigt er ganz grimmig auf den Boden, und dann weist er auf das ganz große Loch in der Decke, und dann sehe auch ich ganz genau, was er meint. Besser, ich müsste jetzt ganz spontansofortdirektschnellstens einkaufen gehen…! Die Stimmung ist nicht mehr ganz so gut heute.

Am Vormittag begeben wir uns auf eine Stadtrunde, eigentlich ohne rechte Lust, denn Kathedrale Novowas wir bei der Einfahrt an Baufälligkeiten und Provisorien gesehen haben, scheint uns bereits den richtigen Eindruck von der Stadt vermittelt zu haben. Doch falsch! In Novosibirsk, übersetzt Neusibirien, geht es sehr geschäftig zu, die Leute sind gut Bahnhof1gekleidet, man wuselt kreuz und quer, Taxis, Busse und … die Trans-Sibirische-Eisenbahn. Sie stellt die Lebensader der Stadt und der Region und überhaupt des ganzen

Landes dar, zumal sich die Transportwege im Wesentlichen auf die West-Ost-Achse beschränken, denn schon ca. 400 km nördlich beginnt der Permafrost (wenn auch zur Zeit erst in einem Meter Tiefe, was zu riesigen Sumpfgebieten führt) und dort sieht´s mit Transportwegen ganz schlecht aus. Schade für Russland, denn man verfügt in Norden Balkonmanndes Landes über immense Mengen an Bodenschätzen, an Erdöl und Erdgas, an Gold und Diamanten, an Kupfer- und Aluminiumerzen, aber man kommt nicht konkurrenzfähig „dran“. Lediglich im Winter schlittert man über alles Zugefrorene nordsüdwärts, nicht besonders effektiv. Ansonsten hält die Stadt den Weltrekord im SchnellWachstum einer Stadt: eine Million Menschen in 70 Jahren – übrigens gefolgt von Chicago mit 85 Jahren. Großartig ist tatsächlich das Bahnhofsgebäude, alles piekfein gebastelt und gestrichen, und das Ganze von außen betrachtet in Form eines Zuges mit Dampflokomotive. SchraubeKippeNatürlich gibt´s in der Stadt auch n sehr interessantes, mindestens 10 Meter hohes Lenin von vorndunkelgraues LeninDenkmal (wie fast nirgends in Russland), den Karl-Marx-Prospekt (gibt´s auch selten) und etliche religiöse Stätten, doch leider (!!!) beginnt es zu regnen, und wir müssen (!) leider (!) für heute abbrechen. Und morgen geht´s schon weiter westwärts.

Der Morgen bringt Sonnenschein, was nicht nur die Rapsfelder strahlen lässt. IMG_2335Unspektakulär treiben wir durch Birkenwälder und bunte Wiesen bis an einen idyllisch gelegenen Salzsee. Wir stehen mitten auf einer Wiese, es könnt’ schöner kaum sein – wenn nicht die nicht in Zahlen zu fassenden Mücken und Bremsen wären. Und Zecken soll es auch geben. Ok, Socken über die lange Bux, einsprühen und dem Unheil trotzen. Und manch Einer wird leider morgen trotzdem seine Wunden lecken müssen. Ich kenn einen … Einfach durch die Bux gestochen … Auch sonst ist der Tag mies, ich ziehe den Hauptgewinn: alles, was in einem Jahr schief gehen kann, passiert mit in wenigen IMG_2338IMG_2348Minuten. Danke für die moralischen Unterstützungen! Über alles siegt der Sonnenuntergang.

Mittags sind wir schon in Omsk und entscheiden uns aus verschiedenen Gründen gegen IMG_2363eine Stadtbesichtigung. Einerseits begeistert uns der erste Eindruck nicht sonderlich,
andererseits bietet sich am Stellplatz die Möglichkeit, mückenfrei auf dem Stühlchen draußen sitzen zu können, was wir am Ende sehr genießen. Abends kommen wir mit einem jungen Burschen ins Gespräch, der perfekt englisch spricht. Einer unserer Leute ist rückenkrank geworden, und er bietet sich spontan an, von zuhause ein spezielles Masssagegerät und aus der Apotheke Medikamente zu holen. Es stellt sich später heraus, dass er, Alexey Vitalov, als EishockeyProfi im russischen Team als Torhüter arbeitet, Wikipedia hat’s bestätigt. Demnächst spielen sie in Deutschland, wir hoffen auf ein Wiedersehen!

Morgens sind wir doch ein bisschen angepiekt und cruisen durch die noch schlafendeIMG_2357 Stadt. Tatsächlich heben sich die Häuser in der Innenstadt von denen ab, die wir am Stadtrand gesehen haben. Jedes Modelabel ist auf der „Lenina“ in den Fenstern schön restaurierter Gebäude vertreten, mit aller Kraft wird sauber gemacht, verschiedene Skulpturen ziehen die Blicke an. Und der Straßenpolizist installiert eine offensichtlich neue unerprobte GeschwindigkeitsMessKamera. IMG_2368Vor einigen Tagen führten wir ein interessantes Gespräch mit einem Polizisten. Auf unsere Frage, warum es in Russland zwar konkrete Geschwindigkeitsbegrenzungen, 0% Alkohol am Steuer, Ampeln und Verbotsschilder gibt, die aber garantiert nicht beachtet werden, antwortete er, es gebe zu wenig Polizisten, die das kontrollieren könnten. Zudem sei es Mentaltitätssache, da machste nix. Die Ausbildung zum Polizisten dauert 6 Monate, und nach 25 Jahren dürfen sie in Rente gehen, als Straßenpolizist zählt ein Jahr wie 1,5! Bei Verkehrsdelikten oder Geschwindigkeitsüberschreitungen musst du zahlen – wenn du nicht schnell genug weg bist. Bei schwerwiegenden Delikten verliert man den Führerschein, sie fahren dann aber trotzdem. Sollten sie erwischt werden, müssen sie eine Strafe zahlen, bis zu 7 mal läuft das so, danach könnte es sein, dass das Gefängnis zum Nachdenken verordnet wird. Sachen gibt’s. 400 km wollen wir heute stemmen, die Straße ist größtenteils gut befahrbar, mal abgesehen von den ollen Baustellen. Und es zieht uns wieder einmal in ein abgelegenes Dorf, das uns das russische Landleben

 

vermittelt. Wir wundern uns über zwei Lastwagen, die von der Straße abgekommen sind und rechtwinklig zur Strecke auf der Seite im Feld liegen. Die jeweiligen Fahrer übrigens stehen auch verwundert neben ihren Schrotthaufen. Nach Päuschen im Birkenwald oder

am Rapsfeld schauen wir uns wieder einmal ein kleines Dorf abgelegen der Straße an und finden irgendwann unsere bunte NachtWiese. Wenig später braut sich ein tolles

Gewitter zusammen, mit Starkregen und anschließend großartigen Licht- und IMG_2403IMG_2398Nebelspielen.

Das, was üblicherweise Frühstück genannt wird, nehmen wir ein: es gibt noch 3 Scheiben Brot, eine Messerspitze Senf, eine Gurke und ein fingerbreites Stück Käse – das reicht nicht. Auf dem Weg nach Tjumen gibt’s einen Supermarkt, der sogar Lebensmittel verkaufen soll. Wir kaufen den Laden tatsächlich fast leer, es gibt alles. In der Nähe der IMG_2397heißen Quellen von Tjumen wollen wir heute übernachten, es ist ein Naherholungsgebiet, in dem die russische Bevölkerung zelten, grillen, schwimmen und trinken kann… Das alles sieht aus wie in einem 50er-Jahre-Film, ein Gestell zum Umziehen steht am Ufer, der Bademeister sitzt auf einem hölzernen Gerüst und beobachtet den badewannengroßen See, Kinder mit Schwimmreifen toben im knöchelhohen Wasser. Wie so häufig kommen nach kurzer Zeit ein paar mehr oder weniger Interessierte, ein paar mehr oder weniger Betrunkene oder ein paar mehr oder weniger deutsch Sprechende, es ist ein lustiger und unterhaltsamer Abend.

Da wir bereits nachmittags eine Stadtbesichtigung von Jekaterinburg planen, sind wir schon vor 8 Uhr auf der Bahn. Natürlich gibt’s Staus an Baustellen, natürlich fahren etliche russischen Autofahrer an der Schlange vorbei, über Schotter oder Gräben, oder IMG_2467hupend auf der Gegenspur Hauptsache, sie stehen vorn, was zu einer fünf- statt einspurigen Passage wird. Natürlich interessiert die Polizei so etwas nicht die Bohne, ihr Steckenpferd ist die permanente Geschwindigkeitskontrolle, die aber durch heftige WarnAktionen meist ungeahndet bleibt, ja und natürlich regt’s uns auf, und wir kennen schlimme Schimpfworte! Mitten in der Stadt stehen wir am Fluss Isset mit schönem Blick auf die Stadt. IMG_2414Jekaterinburg ist als wichtige Industrie- und Universitätsstadt die viertgrößte Stadt Russlands, nach Moskau, St. Petersburg und Nowosibirsk. Sie liegt im Uralgebirge, der IMG_2416natürlichen Grenze zwischn Europa und Asien. Mit Irina, einer lebendig erzählenden Führerin, gelangen wir von den reich ausgestatteten Kaufmannshäusern der Goldgrubenbesitzer zur russisch-orthodoxen Kathedrale auf dem Blut. An dieser Stelle
wurde während des Russischen Bürgerkrieges 1918 die Zarenfamilie von Nikolaus II durch die Bolschewiken erschossen. In IMG_2434der Kathedrale selbst befinden sich viele Fotos und Relikte der Zarenfamilie, die später

IMG_2433heilig gesprochen wurde. In Vorbereitung auf die Fußball-WM 2018 wird die Stadt

renoviert und gestaltet, sogar der Stausee wird leergepumpt, damit der Grund gereinigt werden kann. Nach drei Stunden sitzen wir im Auto, essen zu Abend und sind richtig

begeistert von dieser Stadt, die sich bei Dunkelheit nochmals eindrücklich präsentiert.IMG_2459IMG_2461

IMG_2491Auf zu den Eisgrotten von Kungur, die wir uns vom Stellplatz aus anschauen werden.
Eine miserable Straße führt uns in den Ort, für den Hitten vermutlich eine Patenschaft übernehmen wird …! Vorbei am HochsicherheitsGefängnis, den verfallenen Häusern und dem Lebensmittelhändler bahnt sich ein Hauch von Unmut an. Etwa 300 km später erreichen Sie das Ziel, wie die näselnde Stimme

des Navi klagt. Kann man sich anschauen, muss man aber nicht! Eine Eisgrotte ist eine Eisgrotte, wenn sie aus Eis ist – oder man zumindest welches darin findet. Die ersten 30 m der Höhle zeigen eisige Züge, die Vermutung liegt nahe, dass man dort mit Wasserschläuchen für die entsprechende Atmosphäre gesorgt hat, so verzichten wir auch auf Fotos von kunsteisigen Kunstwerken wie einem Rehlein oder auch einem

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Elefanten. Ansonsten kriechen wir durch eine Geröllhöhle, wie sie unspekakulärer schwer sein kann. Abends gibt’s die fast gegenseitige allabendliche Übergabe eines kleinen Überraschungsgeschenk zwischen den Zwillingen und mir, zum Dank backen
wir gemeinsam Pizza! Xing, die sich normalerweise um die zwei kümmert, grinst mir dankbar zu …!

Im Frühnebel verlassen wir dieses Örtchen mit der relativ großen Gewissheit, nicht img_25121.jpgnochmal zu Besuch zu kommen. Am Straßenrand steht wieder ein Pilz- und Beerenverkäufer, dem ich für 400 Rubel, das sind 6,66 €, zwei riiiiiiiesige Beutel fangfrische Pfifferlinge abkaufe! Er ist glücklich, und wir sind’s auch! Ich weiß, was es heute Abend auf die Gabeln gibt! Wunderbar!!

Für heute abschließend möchte ich zu den letzten 10 Tagen sagen, dass wir stramme lange Fahrtage hatten, in denen wir uns mehr auf der Piste als woanders aufgehalten haben. Außer schöner Feld-Wald-Wiesen-Impressionen und manch eine attraktive Stadt gab’s wenig Spannendes zu sehen, obwohl alles perfekt passte – meistens. Selten Internet bedeutet wenig Blog, und da kommta halt erst heut!

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2 Kommentare zu “p-rogramieren muss ich

  1. Gilching 27.7.17.Liebe Cornelia, lieber Gerhard. Meine Nerven!! Und mein Kampf mit der Technik! Und dann hat Claudia zuallem Überfluß auch den schon geschriebenen Teil dieses Kommentars auf mir unbekannte Art, natürlich unfreiwillig, einfach gelöscht. Fangen wir also nochmal von vorne an. Gestern hatten wir die große Freude eures Telefonanrufs aus Novosibirsk(!!!) anläßlich Claudias Geburtstag, sie ist gleich um 10 cm größer geworden. Ist ja schon eine tolle Sache über tausende von Kilometern und hörte sich an wie von nebenan. Ansonsten wächst unsere Hochachtung vor euch immer weiter. Eine so große Reise stellt sicher auch zeitweise außergewöhnliche Anforderungen an das Durchhaltevermögen. Respekt!Fahrt ihr eigentlich im Convoy mit anderen? (Mitteleuropäisch aussehende Zwillinge u.s.w.)Hoffentlich hat sich der Wasserschaden in engen Grenzen gehalten als ihr mit geöffnetem Dachfenster den Wolkenbruch eingeschaltet hattet. Aber es gibt Schlimmeres! Der Kontakt mit eurer ständig wechselnden Umgebung muß hochinteressant sein, aber sicher auch nicht immer ganz einfach, wenn ich nur an die total anderen Sprachen und dazu noch anderen Schriften denke. Bringt ihr davon vielleicht ein paar Andenken mit (Recorder)? Jetzt seid ihr also schon bis Omsk gekommen. Ich stelle mir vor, daß die Straßenverhältnisse allmählich besser werden können.Bleibt gesund und seid vorsichtig. Bis zum nächsten mal mit den besten Wünschen für die Weiterreise
    eure
    Heinz und Claudia.

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  2. Da bin ich nun etwas spät dran mit meinem Kommentar, aber lassen kann ich ihn trotzdem nicht: warum um alles in der Welt will Hitten eine Patenschaft für diesen eigenartigen Eisgrottenort? 🤔 Naja, ihr könnt es mir ja ganz bald live erzählen 😀
    😘

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